Endometriose: Mehr als
nur Regelschmerzen

Die Vorträge der med:extra-Endoprothetik-Woche, präsentiert vom Förderverein der Kliniken Maria Hilf, finden nächste Woche von Dienstag bis Donnerstag, jeweils ab 19 Uhr statt. Mehr Info unter www.mariahilf.de
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7 bis 15 Prozent der weiblichen Bevölkerung im geschlechtsreifen Alter leiden an Endometriose, das sind 2 bis 6 Millionen Frauen allein in Deutschland. Jährlich werden etwa 40.000 Erkrankungen neu diagnostiziert.  Dr. med Darius Salehin ist Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und leitet das Endometriosezentrum am Evangelischen Krankenhaus Bethesda, das 2023 zu den Top 10 Endometriosezentren in Deutschland gehörte. Wir haben mit ihm über die zweithäufigste gutartige Erkrankung bei Frauen gesprochen.
Dr. med Darius Salehin, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe  
Foto: Bethesda/Markus Rick

med: extra: Herr Dr. Salehin, erklären Sie uns bitte erst einmal, was genau Endometriose eigentlich ist.
Dr. med Darius Salehin: Endometriose ist gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe, das dem weiblichen Zyklus unterliegt. Genauso wie sich die Schleimhaut in der Gebärmutterhöhle aufbaut, abbaut und abblutet, so findet dieser Prozess in den Schleimhautinseln ausserhalb der Gebärmutterhöhle ebenfalls statt. Der Unterschied zur Gebärmutterschleimhaut ist, dass diese Schleimhautinseln nicht über die Vagina abbluten können, sondern es kommt entweder zum Stau des Blutes im Sinne von zystischen Formationen oder das Blut läuft frei in den Bauchraum. Dort sorgt es dann für Verklebungen. Das führt zur Hoch­regulierung der Immunabwehr – entzündliche Prozesse werden somit hochgeregelt. Die entstehenden Verklebungen führen dann zu Langzeitschäden der Organe untereinander. Die Folgen können Regelschmerzen, Schmerzen beim Wasserlassen, beim Stuhlgang und beim Geschlechtsverkehr sein. Aber auch ungewollte Kinderlosigkeit ist oft eine Folge. Dann gibt es noch unspezifische Beschwerden, die wir unter „chronischen Unterleibsschmerzen“ zusammenfassen. Das kann ein aufgeblähter Bauch sein, unspezifische Rückenschmerzen oder Schmerzen, die ins Bein ziehen.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es für die Endometriose?
Hormonell und Operativ sind die beiden großen Therapiemöglichkeiten. Hormonell möchte man den weiblichen Zyklus der Frau durchbrechen und eine Blutungsfreiheit erzielen.. Die kontinuierliche Hormoneinnahme sorgt dafür, dass keine Periode mehr stattfindet. Wenn die Schleimhaut in der ­Gebärmutter nicht blutet, bluten die Schleimhautinseln außerhalb der Gebärmutterhöhle ebenfalls nicht, sodass die Begleitreaktionen gestoppt werden. Doch das ist lediglich eine Unterdrückung der Erkrankung – keine direkte Behandlung. Es wird eine Art Eiszeit für die vorhandene Endometriose hergestellt. Diese Methode wendet man meist bei ganz jungen Patientinnen an, da wir die Erkrankung dort noch nicht so fortgeschritten sehen und eine Operation vermieden werden sollte.

Was hat sich in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Endometriose verändert?
Wir erkennen mittlerweile vor einer Operation schon viel mehr als noch vor einigen Jahren. Früher haben wir ausschließlich eine Endometriosezyste diagnostiziert – mehr nicht. Heute sehen wir Endometriose in der Gebärmutter (Adenomyose genannt), wir sehen tief infiltrierende Endometriose mit Infiltration in Blase oder Darm. Die Ultraschallgeräte sind deutlich besser geworden – aber auch wir sind besser geworden und wissen, wo wir hinsehen müssen. Wir nutzen den Ultraschall immer mehr als dynamische Untersuchung und sind dadurch in der Diagnostik besser. Außerdem versuchen wir, die Erkrankung besser zu klassifizieren, sodass wir wissen, in welchem Stadium die Patientin ist – ähnlich wie eine Tumorformel. Im nächsten Schritt versuchen wir, diese Klassifikation schon vor der OP zu definieren, um eine notwendige Operation genauer planen zu können.

Wie passen Endometriose und Kinderwunsch zusammen?
Die Therapie bei Kinderwunschpatientinnen ist sehr individuell. Wo sitzt die Erkrankung? Wie viel Eierstockreserve ist noch da? Wie alt ist die Patientin? Bei einer älteren Patientin kann im Blut gemessen werden, wie viele Follikelreserve sie noch hat. Ist der Wert niedrig und hat sie  gleichzeitig eine Endometriosezyste, würde man die Patientin eher im  Kinderwunschzentrum vorstellen – durch eine OP könnte ich die gesunden Follikel eventuell schädigen und die Situation verschlechtern. Habe ich eine junge Patientin, die nicht schwanger wird und sie hat bereits Eierstockendometriose, wird sie eher operiert, um die Schwangerschaftsrate durch eine OP zu verbessern. Je weniger Erkrankung im Körper vorhanden ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden. Manchmal steht der unerfüllte Kinderwunsch und nicht der Schmerz an erster Stelle – dann muss ich abwägen, ob ich ihr mit der OP helfe oder eher schade.